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ABRISS?
EINE SCHANDE
GESCHICHTSBEWUßTE FRAUEN
KÄMPFEN UM DAS BERÜHMTE HENRIETTE-GOLDSCHMIDT-HAUS
von Annette Jensen
LEIPZIG
Die einst goldenen Buchstaben über
dem Portal sind verdreckt, die Tür hängt schief in den Angeln.
An der bröckelnden Fassade baumelt ein blaues Plakat mit einem Goethe-Zitat:
„Der Umgang mit Frauen ist das Element guter Sitten." Drinnen stehen ein
paar abgewetzte Stühle herum - hier und da liegt ein Häufchen
Müll, im Flur stauben die Reste eines kleinen Lagerfeuers. Irgendjemand
hat die gedrechselten Stäbe des Treppengeländers abgesägt,
im Erker ist der Fußboden durchgerottet. Der Blick durch die schmutzigen
Fenster im Treppenhaus fällt in einen verwilderten Garten mit alten
Bäumen.
Zurzeit schaut Ines Hantschick täglich
hier vorbei. "Ich werde mich anketten, falls es so weit kommt", kündigt
die 36-Jährige an. "So weit" - das ist, wenn der Abbruchbagger anrollt.
Geht es nach Leipzigs CDU- und SPD-Abgeordneten, könnte das schon
in zwei Wochen der Fall sein. Sie haben einen Bebauungsplan beschlossen,
der eine deutliche Verbreiterung des Südzipfels der Friedrich-Ebert-Straße
vorsieht. "Man steht manchmal eine Viertelstunde im Stau, das hab ich selbst
mehrfach erlebt", klagt der CDU-Fraktionssprecher Gerd Sklaar. Das vom
Krieg verschonte Henriette-Goldschmidt-Haus und zwei ebenfalls aus der
Gründerzeit stammende Nachbargebäude sind im Wege.
30 Jahre lang hat Henriette Goldschmidt
hier gewohnt und gewirkt. Zusammen mit Louise Otto-Peters und Auguste Schmidt
gründete sie 1865 den Allgemeinen Deutschen Frauenverein und machte
Leipzig damit zum Zentrum der bürgerlichen Frauenbewegung. Die drei
kämpften vor allem für das Recht der Frauen auf Berufstätigkeit.
Schon damals war klar, dass so etwas ohne eine organisierte Kinderbetreuung
nicht zu verwirklichen ist. Deshalb richtete Henriette Goldschmidt von
1872 an mehrere Volkskindergärten ein, in denen sowohl Arbeiterinnen
als auch gut situierte Damen ihren Nachwuchs unterbringen konnten. Später
organisierte die Gattin eines Rabbiners auch Ausbildungskurse für
Pädagoginnen und höhere Töchter und eröffnete 1911
die erste deutsche Hochschule für Frauen.
Nach ihrem Tod ging das Haus in der
heutigen Friedrich-Ebert-Straße 16 in die Stiftung Henri Hinrichsen
ein; der Jüdische Musikverleger war ein Bewunderer und Unterstützer
Henriette Goldschmidts. Er hatte mehrere Immobilien und einen Großteil
seines Vermögens der Frauenbildung gewidmet und in der Stiftungsurkunde
festgelegt, dass das auch in alle Zukunft so bleiben solle. 1942 wurde
Henri Hinrichsen in Auschwitz ermordet. Sein Name war schon vorher aus
dem Titel der Stiftung getilgt worden. Doch die Institution, die seit den
zwanziger Jahren von der Stadt Leipzig treuhänderisch verwaltet wird,
existiert fort.
„Meine Kinder sind noch im Henriette-Goldschmidt-Haus
in den Kindergarten gegangen", berichtet Johanna Ludwig. Auf Initiative
der dort arbeitenden Pädagoginnen hatte der Rat der Stadt 1957 beschlossen,
dem Haus seinen ursprünglichen Namen wiederzugeben, und auch eine
Straße nach der Jüdischen Frauenrechtlerin benannt. In Leipzig
weiß man, wer Henriette Goldschmidt ist.
„Ihre Ideen sind großartig
und haben immer noch viel Realisierungsbedarf", sage Inge Brüx, die
zusammen mit Ines Hantschick, Johanna Ludwig und einem guten Dutzend anderer
Frauen einen Verein zum Erhalt des heruntergekommenen Altbaus gegründet
hat. Dass Sachsens Ministerpräsident Biedenkopf den "übertriebenen
Erwerbssinn der Ostfrauen" als eigentliche Ursache für die ungünstig
aussehende Arbeitslosenstatistik ausgemacht hat, bringt die Grafikerin
immer wieder in Wallung. "Ich bin keine Feministin", sagt sie; aber als
Hausfrau und Mutter zu Hause zu bleiben war für Inge Brüx auch
nie vorstellbar. Über 100 Bücher hat sie in DDR-Zeiten illustriert.
"Wir wollen hier nicht für
die drei Ks leben"
Als dann nach der Wende in Leipzig
ein Verlag nach dem anderen zusammenbrach, musste sie sich neu orientieren
- nicht leicht für eine Frau über 50. Heute zeichnet sie freiberuflich
Gundrisse alter Gebäude fürs Landesamt für Denkmalpflege.
Und auch Ines Hantschick, die im Einfraubetrieb eine Hausbesetzergenossenschaft
betreut, sagt, ganz im Sinne von Henriette Goldschmidt: "Wir wollen hier
nicht für die drei Ks leben." 50 bis 60 Sympathisantinnen habe der
Verein. "Das sind alles selbstbewusste, berufstätige Ostfrauen, die
oft mehrere Kinder haben."
Schon kurz nach der Wende präsentierte
ein Frauenaktionsbündnis den Politikern im Rathaus einen ersten Nutzungsplan
für das Henriette-Goldschmidt-Haus. Die Situation schien günstig
- schließlich stand das denkmalgeschützte Gebäude seit
kurzem leer.
Doch als der Gleichstellungsausschuss
der Stadtverordnetenversammlung sich des Themas annahm, gab es eine böse
Überraschung: Das Haus war 1991, ohne dass die Öffentlichkeit
informiert wurde, an eine Rathausangestellte verkauft worden. 38 000 Mark
hatte sie dafür bezahlt — angeblich war es abbruchreif. Doch zwei
Jahre später kassierte die Frau beim Wiederverkauf immerhin 1,2 Millionen
Mark, ohne dass etwas am Haus gemacht worden wäre. Und obwohl es auch
seither weiter verfällt, sind die Kosten für den Erwerb des Henriette-Goldschmidt-Hauses
und der beiden Nachbargebäude im Bebauungsplan der Stadt mit über
4,1 Millionen Mark veranschlagt.
Verantwortlich für den Billigstverkauf
war der CDU-Finanzbeigeordnete Peter Kaminski,
der bis heute in Leipzig die Stadtkasse verwaltet. "Dass ein Rückkauf
für Leipzig sehr teuer wird, ist durchaus pikant", räumt der
Chef der SPD-Fraktion, Joachim Fischer, ein, dessen Partei mit den Christdemokraten
informell eine Große Koalition bildet. CDU-Fraktionssprecher Gerd
Sklaar versucht dagegen, die Sache klein zu reden: "Das sind doch nur noch
drei Ruinen, die da zusammenhanglos in der Gegend rumstehen."
Eine Bürgerin wollte Kaminski
mithilfe einer Strafanzeige zur Verantwortung ziehen:
Als Treuhänder habe er gegen
den Willen des Jüdischen Stifters verstoßen, indem er das Haus
ohne Zweckbindung und völlig unter Wert verkauft habe. Der Staatsanwalt
lehnte ihren Antrag ab, und auch der damalige Oberbürgermeister Hinrich
Lchmann-Grube konterte den Protest der Frauen nassforsch. "Verkauft ist
verkauft."
Das sächsische Amt für
Denkmalpflege aber unterstützte den Wunsch der Bürgerinnen, das
Henriette-Goldschmidt-Haus zu erhalten. "Der für eine Umsetzung der
Planung notwendige Abbruch der Gebäude ist denkmalschutzrechtlich
nicht genchmigungsfähig", beschied die Landesbehörde mehrfach.
Nicht nur sei das Ensemble nach wie vor von architektonisch hohem Wert;
auch die historische Bedeutung des Henriette-Goldschmidt-Hauses reiche
weit über den regionalen Raum hinaus. Doch Leipzigs Stadtväter
lassen sich davon nicht beirren. Sie wollen hier unbedingt mehr Platz für
den Autoverkehr haben - schließlich möchten sie die Fußballweltmeisterschaft
hierherholen. Und zu einem WM-tauglichen Stadion gehören eben auch
bequeme Zufahrtswege. Geplant sind außerdem Parkplätze für
Anwohner und ein Radweg. Die Straßenbahn soll ebenfalls eine eigene
Spur bekommen. "Wir arbeiten an einem autoarmen Leipzig, da braucht die
Straßenbahn schnelle Trassen", argumentiert Rathaussprecherin Kerstin
Kirmes.
Schließlich entschied der Regierungspräsident:
Denkmalschutz und geschichtliche
Bedeutung - schön und gut, aber das Verkehrsinteresse sei für
die Allgemeinheit wichtiger. Dass 2500 Bürgerinnen für den Erhalt
des Hauses unterschrieben, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in
Deutschland, Ignatz Bubis, den Vorgang als "skandalös" bezeichnete
und die Leiterin der Theodor-Heuss-Stiftung, Hildegard Hamm-Brücher,
sich engagiert: Es beeindruckt die Lokalpolitiker nicht. Inzwischen ist
der Abriss genehmigt.
Der Oberbürgermeister könnte
ein Veto einlegen
Finanziert wird der Einsatz der Abbruchbirne
von der Stadt, durchführen sollen ihn die drei Eigentümer — zwei
Ossis und ein Wessi. So ist es vertraglich festgeschrieben. "Die Stadt
will wohl die Schande, dass der jüdische Name erneut von dem Haus
abgeschlagen wird, lieber den Privaten überlassen", vermutet Johanna
Ludwig. Wer könnte das Verschwinden des Henriette-GoIdschmidt-Hauses
jetzt noch verhindern? Erneut haben die Frauen einen Strafantrag gegen
die Stadt gestellt; schließlich liegt inzwischen ein neues Gutachten
vor, das die Sanierungsfähigkeit des Hauses und damit die Schädigung
der Stiftung durch den viel zu niedrigen Verkaufspreis belegt. Auch eine
einstweilige Verfügung wird erwogen. "Wir würden den Prozess
notfalls durch alle Instanzen führen, wenn wir das Geld dazu hätten",
sagt Inge Brüx. Eigentümer Thomas Schuchart versichert die Frauen
seiner ideellen Unterstützung: „Ich wäre froh, wenn das Haus
stehen bliebe." Doch leider sei man durch den Vertrag mit der Stadt gebunden;
bei Nichteinhaltung drohe eine hohe Schadensersatzforderung.
Auch der neu gewählte SPD-Oberbürgermeister
Wolfgang Tiefensee könnte, wenn er wollte, noch ein Veto einlegen.
Doch zur Zeit ist er im Urlaub, und der neue Stadtrat tagt erstmals Anfang
September. Bis dahin, so hoffen die Verkehrsplaner, soll hier nur noch
ein Staubfeld sein. Dann könnte das neue Stadtoberhaupt sein Bedauern
bekunden - und endlich die erste Straßenbaumaschine anrücken.
Quelle:
Die Zeit Nr. 33 vom 12. August
1999
Länderspiegel
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